Aktuelles aus der Wirtschaft: Gemeinde Sulzbach an der Murr

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20 Jahre Diakonie ambulant- Vorstand Thomas Nehr im Interview

Artikel vom 15.09.2016

„Von Pflegerobben halte ich wenig“ Das Interview: Geschäftsführer Thomas Nehr spricht über die Entwicklung von Diakonie ambulant, Pflegeversicherung und Kernaufgaben Die Geschichte von Diakonie ambulant – Gesundheitsdienste Oberes Murrtal ist aufs Engste mit der Pflegeversicherung verknüpft. Beide -- bestehen seit rund 20 Jahren. Aus den neuen gesetzlichen Anforderungen hat sich ein Pflegedienstleister weiterentwickelt, der - eine feste Größe in Murrhardt und Umgebung ist. MURRHARDT. So manche Leistungen, die früher vom Arzt abgedeckt wurden, übernehmen heute im Alltag Mitarbeiter von Diakonie ambulant. Alleinstellungsmerkmal ist aber, dass Therapie – über die Logopädie-, Ergotherapie und Physiotherapiepraxis – und Pflege aus einer Hand angeboten werden. Im Alltag heißt es, eng mit den Angehörigen zusammenzuarbeiten, denn letztlich ist die Familie immer noch der größte Pflegedienst. Zwar bewegt sich die Diakonie ambulant ebenso im Spannungsverhältnis von optimaler Unterstützung und Wirtschaftlichkeit, doch bringt die historische Entwicklung und finanzielle Unterstützung der Krankenpflegevereine Großerlach, Grab, Spiegelberg, Sulzbach an der Murr und Murrhardt als Mitglieder auch einen entlastenden Spielraum. Für - Vorstand Thomas Nehr, der die Diakonie ambulant seit 12 Jahren in dieser Funktion begleitet, ist die Pflege in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das fängt bei einer vorausschauenden Planung für die Patienten an und hört bei Betrieben auf, die berücksichtigen müssen, dass ihre Mitarbeiter Angehörige pflegen. Von Christine Schick Vor und zu Beginn der Pflegeversicherung waren die ambulanten Versorger noch nicht so stark im Fokus. Vielleicht ist es ja so, dass sich die Geschichte der Pflegeversicherung für Sie auch ein Stück weit als Kampf um Leistungsanerkennung darstellt. Ist das so? Ja, es ging um Anerkennung, natürlich. Mit der Pflegeversicherung galt es, den ambulanten Bereich zu stützen und zu stärken. Bis dahin haben die Krankenkassen alles übernommen, eben auch, wenn jemand pflegebedürftig wurde. Das ging mit einer Vollkaskomentalität einher, die Pflegeversicherung bedeutet aber im Gegensatz dazu eine Teilkasko. Das ist vielen nicht mehr so bewusst, weil früher einfach alles übernommen wurde. Insofern waren und sind die Krankenpflegevereine eine ganz wichtige Säule dieser Versorgung. Als unterstützende Gemeinschaft? Auch historisch. Früher übernahm die Diakonisse als Gemeindeschwester die Versorgung. Das ist das Idealbild von Pflege bei der Generation von Menschen, die wir heute noch pflegen. Da begegnet man aktuell auch noch der Frage, warum muss ich da denn noch so und so viel bezahlen, ich zahl doch schon die Pflegeversicherung? In den 1970er-Jahren war noch sehr viel mehr Geld verfügbar. Bis zur Pflegeversicherung hat es auch nochmal 20 Jahre gedauert. Jetzt gibt es sie seit rund 20 Jahren, genauso lange wie Diakonie ambulant, die letztlich ein Produkt daraus ist. Würden Sie das so formulieren? Ja. Letztlich hat das Land die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass es eine Diakoniestation gibt, die den Leistungsvertrag mit der Pflegeversicherung erhalten hat, um die Versorgung zu übernehmen. 1978 gab es einen Zusammenschluss der Krankenpflegevereine, um als förderfähige Sozialstationen anerkannt zu werden. 1996 hat man dann in Folge der Pflegeversicherung den Betrieb auf Diakonie ambulant umgestellt. Das heißt die Schwestern waren nicht mehr beim Krankenpflegeverein, sondern bei der Diakonie ambulant angestellt. Genau, und es gab eine zentrale Leitung. Das war die Forderung der Pflegeversicherung, vorher waren es fünf Leitungen der Kommunen und Krankenpflegevereine mit den jeweiligen Mitgliedern. Die Gründungsversammlung war 1996. Die Pflegeversicherung hat nach ihrer Einführung ein Jahr zuvor erst begonnen zu greifen. Das heißt ohne die Pflegeversicherung gäbe es die Diakonie ambulant heute in dieser Form nicht. Ja, wenn auch sicher in einer anderen. Der Motor der Entwicklung war, die Menschen zu Hause besser versorgen zu können. Mittlerweile gibt es fast 13.000 ambulante Pflegedienste in Deutschland, in den vergangenen zehn Jahren ist der Umfang schätzungsweise um 25 Prozent gestiegen. Allein im vergangenen Monat wurden 75 neue Pflegedienste in Deutschland gegründet. Wir gehören zu den zwei Prozent der größten Vertreter, was Personal und Patienten angeht. Grob geschätzt versorgen wir 900 Klienten, wenn man Pflege und Therapie zusammenrechnet, wobei das Spektrum der Leistungen sehr unterschiedlich ist. Viele machen sich Sorgen, dass sie ihre Pflege im Alter nicht mehr bezahlen können, weil es sich um eine Teilkaskoversicherung handelt. Begegnet Ihnen das Thema im Alltag? Es ist ganz selten, dass Patienten oder Angehörige das an uns herantragen. Wir gehen es aber für unsere Mitarbeiter in Form von Beratung durch Versicherungsfachleute an. Die Pflege fällt ja in die letzten, für den Träger kostenintensivsten Lebensjahre. Wir werden alle älter und haben noch viel Zeit, in der wir gesund sind. Wenn man die Zahlen anschaut, können einen die Relationen überraschen. Wir geben in Deutschland über 300 Milliarden Euro pro Jahr für Gesundheit aus, und die ambulante Pflege und Therapie erhält etwa 5 Prozent, also ca. 15 Milliarden, davon. Das ist nicht gerade viel. Die anderen 95 Prozent entfallen hauptsächlich auf die Bereiche Krankenhaus, Pharmaindustrie und Verwaltung. Für die Krankenkassen geht es auch darum, zu schauen, wo man noch sparen kann. Das gehört zu unseren unentgeltlichen Aufgaben, den Patienten „anwaltschaftlich“ zu unterstützen. Zu schauen, wo sind Einsparungen gerechtfertigt und wo nicht? Genau, wo besteht ein Anrecht des Patienten und wo wird nur des „Sparen-willens“ gespart. Der Bereich Pharmaindustrie spielt ja auch in die Pflege hinein, die Menschen bekommen nicht immer wenige Medikamente verschrieben. Das ist eben auch enorm gestiegen. Der Arzt hat immer weniger Zeit für Gespräche, der Druck im Beruf nimmt zu, psychische Erkrankungen nehmen zu, und es steigt in ähnlicher Weise die Anzahl der verschriebenen Medikamente. Das ist schon dramatisch. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass wir ganz viel Geld ausgeben, um lange gesund zu bleiben und älter zu werden, aber eben nicht für die Pflegebedürftigkeit. Mit der Anzahl an zu Pflegenden werden aber auch die Beiträge steigen müssen. Genauso gilt es, die Diskussion um Leistungen zu führen, die rechtzeitig zur Verfügung gestellt werden müssen. Was meinen Sie genau, Rehamaßnahmen? Ich spreche von ganz einfachen Dingen. Dass jemand eine Anti-Dekubitus-Matratze bekommt, bevor er wund liegt. Die Regel ist, dass es genau umgekehrt geschieht. Das ist ein Widerspruch zu der Forderung der Pflegeversicherung Reha und Prävention vor Pflege. Ich hab das Gefühl, es braucht immer alles sehr lange, bis es umgesetzt ist und bis man daraus lernt. Es hat beispielsweise 20 Jahre gebraucht, bis auch psychische Erkrankungen in die Pflegeversicherung mitaufgenommen wurden, sprich Demenz als großes Thema. Wie sieht der typische Patient der ambulanten Pflege in 15 Jahren aus? Wird sich da etwas ändern? Ich glaube nicht. Das, was wir tun, ist als Idee so alt wie die Menschheit. Seit Menschen zusammenleben, gibt es auch den Pflegefall. Ambulante Pflege ist immer Pflege von Mensch zu Mensch. Man hört ja auch von technischen Entwicklungen wie Pflegerobben. Also Zuwendungsroboter, die sich ein bisschen bewegen können und ein Fell haben. Man könnte auch eine Katze oder einen Hund als Modell nehmen. Man legt sie alten Menschen in den Arm, um ihnen ein Gefühl von Geborgenheit zu geben. Davon halte ich sehr wenig. Ist Ihnen das zu oberflächlich? Bei der Pflege geht es um den menschlichen Kontakt und wirkliche Zuwendung. Wir erleben das ja auch zum Beispiel in der Physiotherapie. Da hat man die Behandlungstaktzeiten stark heruntergesetzt. Wenn heute jemand 20 Minuten Physiotherapie bekommt, will er nicht nur an der Stelle, wo es wehtut, durchgeknetet werden, sondern da laufen nebenher Gespräche ab. Da ist die Zeit von 20 Minuten schon extrem knapp. In der Logopädie und Ergotherapie stehen 30 Minuten bis zu einer Stunde zur Verfügung, da ist es etwas besser. Unsere Mitarbeiter erleben ja auch, dass sie oftmals die Einzigen sind, die zu den Patienten ins Haus kommen und die sie von Angesicht zu Angesicht erleben. Manchmal dauert es eine Woche oder einen Monat bis mal wieder ein Angehöriger vorbeischaut. Für die Diakonie ambulant ist es auch wichtig, einen festen Mitarbeiterstamm zu haben und sich um Nachwuchs zu kümmern. Was ist für junge Leute, die eine Ausbildung in Erwägung ziehen, attraktiv am Beruf? Da gibt es eine ganz aktuelle Studie über die Generation Y, für die an oberster Stelle die Sinnhaftigkeit steht. Weiterer Punkt ist, dass man die Arbeit mitgestalten kann. In dieser Hinsicht kann die ambulante Pflege punkten. Im Grunde genommen ist keine Pflegesituation in den einzelnen Haushalten wie die andere. Man braucht ein gutes Zeit- und Selbstmanagement. Aber man kann auch gestalten, in dem man auf die aktuellen Bedürfnisse der zu Pflegenden eingeht und entscheidet, wer gerade ein Stück weit mehr Betreuung benötigt. Ist die Arbeit im Team gut organisiert ist, kann auch der eine mal für den anderen einspringen. Man ist vor Ort zwar Einzelkämpfer, trifft ganz viele Entscheidungen– mit den Patienten, den Angehörigen, dem Arzt oder dem Orthopädiefachhandel, aber man weiß, dass im Hintergrund eine Pflegedienstleitung und ein Team stehen, das die Einzelnen unterstützt. Das ist unser Anspruch und das funktioniert in den allermeisten Fällen sehr gut. Inwiefern spielt es eine Rolle, dass die Zeiteinheiten in der Pflege eng getaktet sind? Das würde für mich auch gegen diese Sinnhaftigkeit arbeiten. Als man mit der Pflegeversicherung auch die „Minutenpflege“ eingeführt hat, war man auf dem Holzweg. Die Krankenkassen versuchen immer wieder an diesem „Rad“ zu drehen um die Kosten zu reduzieren. Aus meiner Sicht der ganz falsche Weg, da ist die Politik deutlich mehr gefordert, um eine gute Pflege auch in Zukunft zu gewährleisten. Unser Landesregierung hat mit der sog. Pflege-Enquete einen guten Weg eingeschlagen, jetzt gilt es auch die finanziellen Mittel für die vorgeschlagenen Maßnahmen zu Verfügung zu stellen. Um sie noch stärker zu forcieren? Ja, man hat gemerkt, dass das einfach nicht funktioniert. Das, was Sie ansprechen, trifft auf Diakoniestationen zu, aber noch stärker auf private Pflegedienste bis hin zu Pflegeketten, wo der Profit am Ende des Tages ausschlaggebend ist. Wir haben natürlich auch das Spannungsfeld zwischen guter Versorgung und Wirtschaftlichkeit. Damit wir in den Betrieb investieren können, sind wir froh, wenn ein gewisser Betrag, vielleicht ein Euro pro Stunde, übrigbleibt. Das lässt uns ein bisschen Spielraum. Zum Glück gibt es noch Unterstützung von den Krankenpflegevereinen. Von daher macht es auch wirklich Sinn, dass möglichst viele Bürger Mitglied in einem Krankenpflegeverein sind und werden. Weil diese Gemeinschaft dann die harte Taktung etwas abfedern kann? Genau, aber nicht nur die Taktung. Beispielsweise war noch viel mehr Thema in den letzten Jahren, dass wir auch weiterhin Therapien in den Privathaushalten vor Ort anbieten können. Die Fahrtzeit im therapeutischen Bereich war bei weitem nicht finanziert. Da unterstützen uns die Krankenpflegevereine mit einem Teil der Mitgliedsbeiträge (25%). Infokasten: Vor etwa 120 Jahren wurden Mutterhäuser und parallel dazu Krankenpflegevereine gegründet. In den 1960er-Jahren machte sich der Rückgang an Diakonissinnen bemerkbar, die vor Ort pflegten, 1978 schlossen sich die Krankenpflegevereine Grab, Großerlach, Murrhardt, Spiegelberg und Sulzbach an der Murr zusammen, um als förderfähige Sozialstation anerkannt zu werden. 1996 Gründungsversammlung der Diakonie ambulant mit Bürgermeister Ulrich Burr als Vorsitzendem, in Stellvertretung Bürgermeister Dieter Zahn, Pfarrer Heiner Beilharz und Pfarrer Johann Grupp. Heute gibt es einen Aufsichtsrat mit Vorsitzendem Werner Stingel und der Stellvertretung Bürgermeister Dieter Zahn, Bürgermeister Uwe Bossert, Pfarrerin Margit Bleher und Pfarrerin Ute von Brandenstein. Thomas Nehr ist geschäftsführender Vorstand, Stellvertreterin Silvana Seeh (Pflegedienstleitung). Immer noch gelten die sogenannten drei Ks: Mitglieder sind fünf Krankenpflegevereine sowie die vier Kommunen und 11 Kirchengemeinden. 1999 hat Diakonie ambulant die erste Praxis (Logopädie) eröffnet, heute gibt es eine Logopädie, Physio- und Ergotherapiepraxis.